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Parlamentarischer Abend der Ländlichen Genossenschaften: Ernährungssicherheit als strategische Aufgabe

veröffentlicht im Genossenschafts-Magazin Weser-Ems, Ausgabe 04/2026

Der gemeinsame Parlamentarische Abend vom Genossenschaftsverband Weser-Ems und dem Agrar- und Ernährungsforum Nord-West (AEF) brachte Branchenvertreter und Politiker ins Gespräch. Axel Schwengels und Sebastian Lechner verdeutlichten, wie sehr Ernährungssicherheit, Resilienz und verlässliche politische Rahmenbedingungen heute miteinander verwoben sind.

Verbandsdirektor Axel Schwengels bei der Eröffnung des diesjährigen Parlamentarischen Abends der Ländlichen Genossenschaften

Verbandsdirektor Axel Schwengels begrüßte am 2. März rund 100 Vertreterinnen und Vertreter aus Ländlichen Genossenschaften, Agrar- und Ernährungs unternehmen aus dem Nord-Westen sowie aus der Politik im Gartensaal des neuen Rathauses in Hannover. Die niedersächsische Agrar- und Ernährungswirtschaft trage aufgrund ihrer Stärke und Vielfalt eine besondere Verantwortung und stehe gleichzeitig unter enormem Druck durch Klimawandel, steigende Kosten und wachsende regulatorische Anforderungen. Sie benötige politische Leitplanken, die langfristige Planung ermöglichen und Innovation fördern. Schwengels formulierte dies – auch im Hinblick auf die aktuelle Eskalation im Nahen Osten – prägnant mit den Worten: „Versorgungssicherheit ist keine Selbstverständlichkeit. Sie ist das Ergebnis harter Arbeit, verlässlicher Strukturen und kluger politischer Rahmen.“ Darüber hinaus betonte er, dass Ernährungssicherheit immer im Kontext weiterer kritischer Infrastrukturen gedacht werden müsse. Energie und Düngemittelimporte, Transportwege, Wasser- und Stromversorgung seien un trennbar mit der landwirtschaftlichen Produktion verbunden. Nur ein ressortübergreifendes Konzept könne daher langfristige Stabilität gewährleisten. Der Abend solle ein offener Dialog zwischen Politik und Praxis sein, um gemeinsame Lösungen für eine zukunftsfähige Landwirtschaft zu entwickeln.

Im Anschluss stellte Sebastian Lechner, Vorsitzender der CDU-Landtagsfraktion, den Zusammenhang zwischen Ernährungssicherheit und nationaler Resilienz in den Mittelpunkt. Er verwies auf die Ukraine, deren Fähigkeit zur eigenständigen Lebensmittelproduktion ein wesentlicher Grund für ihre Durchhaltefähigkeit sei. Lechner betonte: „Ernährungssicherheit ist ein wirklicher Grundpfeiler der Resilienz in Deutschland, und wir müssen diesem Aspekt noch viel mehr Bedeutung geben als heute.“ Er ordnete Ernährungssicherheit in das Konzept der sogenannten Gesamtverteidigung ein, in dem Landwirtschaft und Ernährungswirtschaft eine ebenso zentrale Rolle spielten wie Sicherheitsbehörden, Gesundheitswesen oder Energieinfrastruktur. Dass Ernährungssicherheit inzwischen im Nationalen Sicherheitsrat und auf internationalen Foren wie der Münchner Sicherheitskonferenz behandelt werde, zeige ihren gestiegenen Stellenwert. Auch eine staatliche Notfallreserve sei ein wichtiger Baustein, der weiter gestärkt werden müsse.

Lechner übte zugleich deutliche Kritik an übermäßiger Regulierung. Deutschland habe in vielen Bereichen „eigene über das europäische Recht hinausgehende Vorschriften“ geschaffen, die Wettbewerbsfähigkeit und Investitionsbereitschaft beeinträchtigten. Ein Binnenmarkt könne jedoch nur funktionieren, wenn die Regeln für alle Mitgliedstaaten einheitlich seien. Er sprach sich für eine klare Produktions- und Flächenstrategie aus, die den Selbstversorgungsgrad stärker berücksichtigt und die landwirtschaftliche Nutzung nicht durch immer neue Ausgleichsmechanismen einschränkt. Besonders ausführlich widmete sich Lechner der Zukunft der Tierhaltung. Er kritisierte eine Politik, die Ausstiegsprogramme fördere, während Investitionen in moderne, tierwohlgerechte Ställe nicht ausreichend unterstützt würden. Niedersachsen müsse Tierhaltungsstandort bleiben, und dafür seien moderne bauliche, emissionsschutzrechtliche und förderpolitische Rahmenbedingungen notwendig. In diesem Zusammenhang ist auch die politische Einordnung relevant: Der Rundblick Niedersachsen berichtete öffentlich sichtbar, dass Lechner sich nach dem Stopp der Stallumbau-Förderung von der Bundespartei distanziert – ein Hinweis darauf, wie stark er die Wirtschafts- und Versorgungsrealität seiner Region betont. Darüber hinaus sprach Lechner über die Verwundbarkeit kritischer Infrastrukturen. Energie- und Wasserversorgung, Düngemittelimporte, Transportlogistik und Cyberangriffe seien heute zentrale Risikofaktoren. Es fehle bislang an einem abgestimmten Gesamtkonzept, das Land- und Ernährungswirtschaft systematisch in sicherheitspolitische Schutzmechanismen einbindet. Die Landesregierung habe zwar einen sicherheitspolitischen Dialog begonnen, doch daraus müssten nun zügig konkrete Maßnahmen folgen.

Ein weiterer Schwerpunkt war der Abbau übermäßi ger Bürokratie. Lechner verwies auf den Zwölf-Punkte Plan der CDU-Fraktion und nannte als Beispiel die in Niedersachsen verbotene Düngung bei Frost, die in Nachbarländern erlaubt sei – ein aus seiner Sicht sachlich unbegründeter Sonderweg. Auch das geplante Agrarstrukturgesetz lehnte er mit Verweis auf unverhältnismäßige Eingriffe und zusätzliche Berichtspflichten ab.

Zum Abschluss rief Lechner dazu auf, die gewonnenen Erkenntnisse in konkrete politische Maßnahmen zu überführen. Resilienz, Ernährungssicherheit und ein starker Agrar- und Ernährungsstandort seien nur zu erreichen, wenn Politik, Verbände und Wirtschaft an einem Strang zögen. Parlamentarische Abende wie dieser seien wichtig für den Austausch, dürften aber nicht folgenlos bleiben. Niedersachsen wolle Agrarland Nummer eins bleiben – und dafür brauche es verlässliche Entscheidungen.

Der Parlamentarische Abend zeigte eindrucksvoll, wie eng Versorgungssicherheit, Landwirtschaft und politische Steuerung miteinander verbunden sind. Die Beiträge von Schwengels und Lechner verdeutlichten, dass die Zukunft der Agrar- und Ernährungswirtschaft nicht allein in Marktentscheidungen liegt, sondern eine strategische Aufgabe ist, die politische Aufmerksamkeit, wirtschaftliche Innovationskraft und gesellschaftliche Verantwortung gleichermaßen erfordert.